Mehr Mitgefühl: Geschäfte zu, Herzen auf – spenden können wir auch im Lockdown

Bald ist Weihnachten. Dieses Jahr fühlt es sich anders an: Schwermut anstelle von Vorfreude; Feiern im kleinsten Kreis anstelle des ersehnten Wiedersehens. Entbehrungen und Verzicht – Einschnitte in einem Leben, in dem es sonst vermeintlich alles gibt. Dieses Jahr ist unbequem. Unser Schlaraffenland hat zum zweiten Mal geschlossen. Und jetzt ausgerechnet auch noch an Weihnachten …
Wie schwer es doch fällt, sich zurückzunehmen.
Ein Mal nur,
ein Jahr nur
– während andere jeden Tag ums Überleben kämpfen.

Es war sehr emotional, als die Pastorin vergangenen Sonntag darauf hinwies, was die ausbleibenden Weihnachtsgottesdienste, in denen Spenden für das Hilfswerk Brot für die Welt gesammelt werden, für die vielen Menschen bedeutet, die es unterstützt: nämlich noch mehr Hunger, noch größere Armut.

Diesen Gedanken möchte ich gern weitertragen.
In unserer globalen Welt brauchen wir mehr Mitgefühl: Die Geschäfte sind geschlossen, aber spenden können wir auch im Lockdown (und natürlich gibt es noch viel mehr Möglichkeiten Gutes zu tun).

Hier eine Auswahl an Organisationen, die sich für Menschenrechte und gegen Hungersnot engagieren:
brot-fuer-die-welt.de
fian.de
inkota.de
misereor.de
welthungerhilfe.de

Passend dazu möchte ich dieses Ereignis mit euch teilen, das ich in meinem Buch Schlaflos in der Regenzeit beschrieben habe. Wenn der Kreislauf der Armut sich in die nächste Generation bewegt, müssen die Kinder zum Einkommen der Familie beitragen. Die nachfolgende Situation war Teil einer jeden meiner Busfahrt durch Lima:

Schatten der Nacht und ihre Schattenseiten

Der Bus hält. Kritisch schaue ich, wer ihn betritt. Es ist ein kleines Mädchen, etwa sechs Jahre alt. Dreckig und müde sieht sie aus, aber ihre Arbeitsschicht ist noch nicht beendet. Sie versucht Bonbons an die übrigen Passagiere, an uns, an mich zu verkaufen.

Wortlos, eher schlafend als wach, schleicht sie durch den Bus, als wäre dieser ihr Zuhause. Sie kennt den Weg auswendig, verläuft sich auch schlaf­wandelnd nicht. Zwei Schritte, einmal den Kopf nach links heben, einmal den Kopf nach rechts heben. Dann wieder zwei kleine Schritte und den Kopf müde in beide Richtungen drehen. Von Gesicht zu Gesicht, von Sitz zu Sitz. Halb geöffnete Augen schauen mit leerem Blick in ebenfalls leere Gesichter. Jeder schüttelt den Kopf, lehnt mit der immer gleichen Miene ab. Manchmal mitleidig, manchmal mit einem Ausdruck der Gleichgültigkeit, als sei jene Situation bloß ein zusätzliches Angebot des Busses, das man mit einem routinierten Kopfschütteln an den Nächsten weiterreicht.

Gleichgültig darüber, nichts verkauft zu haben, setzt sich die Kleine in die letzte Reihe. Kaum sitzt sie, fallen ihr die Augen zu.
Der Bus fährt weiter, mein Blick ruht auf ihr.

Die Bilder und Geschichten vor dem Fenster verstummen, weil das stille Mädchen viel zu laut ist. Sie wirbelt wieder dieses Elend in mir auf, das mich in Lima ständig ungefragt besucht. Denn das kleine Mädchen verkörpert unzählige Kinder, unzählige Kinder verkörpern unzählige Familien, unzählige Familien verkörpern eine Stadt, eine Stadt verkörpert unzählige Städte, unzählige Städte verkörpern unser gegenwärtiges Dasein.

Die Armut ist komplex!

Lima wird sie auch in der Zukunft nicht abschütteln können. Die Stadt trägt eine Zwangsjacke und lebt im Korsett. Es schnürt sich enger, wenn ich meinen Kopf drehe und das Mädchen anschaue, das in diesem Moment in der letzten Reihe ihre Kindheit verschläft.

Doch jedes Hinsehen kann nicht mehr sein als ein Wegsehen, solange ich nur schaue und nicht handle.
Nicht handle, weil ich nicht weiß wie.
Ich kenne die Spielregeln nicht.
Ich kenne noch nicht einmal das Spiel.
Aber ich bin Mitspielerin.
Ungefragt.
Irgendjemand hat die Karten verteilt und ich frage mich, warum ich den Joker in den Händen halte und das Mädchen den schwarzen Peter.
Ich finde keine Antwort und setze aus.

Auch der Busfahrer braucht eine Pause. Wir steigen in den nächsten Bus und dort wiederholt sich, was sich für die Kleine vermutlich den ganzen Tag wiederholt – wahrscheinlich an jedem Tag: Bonbons anbieten, Kopfschütteln, weitergehen. In der letzten Reihe angekommen, fallen ihr erneut die Augen zu, bis sie irgendwann aufsteht und dem Cobrador auf Zehenspitzen stehend leise bajar, aussteigen, ins Ohr flüstert.
Das ist das einzige, was sie sagt.
Bajar.
Und still frage ich mich, ob sie nur den Bus, oder unser Spiel meint.

Auszug aus meinem Buch Schlaflos in der Regenzeit


Wir spielen alle mit. Und wir können alle etwas tun: Das Glück teilen. Denn es ist nur Glück, das wir im geschlossenen Schlaraffenland leben dürfen.


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