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Corona und die Chance das große Ganze zu ordnen (Teil III)

Lesezeit: 4 Minuten

Verantwortung für den Unbekannten

Von einem Ort ausgehend hat das Virus binnen weniger Monate alle Ecken der Welt erreicht.

Durch die Zahl der Infizierten und die sich über die Kontinente ausbreitenden roten Punkte der betroffenen Länder macht es die Globalisierung sichtbarer als sie es vielleicht jemals gewesen ist: Wir sind alle miteinander verbunden, auf indirekte Weise miteinander in Kontakt.

Das Virus setzt sich über Grenzen hinweg und zeigt Grenzen auf – in jeglicher Hinsicht: Am Rande der Nationen, für das Verhalten des Einzelnen und für uns als Gesellschaft. Die Bilder der vergangenen Wochen machen deutlich, wie schwer es fällt, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und Einschränkungen zu akzeptieren. Es dauert bis die Tiefe, der Schweregrad und die Ernsthaftigkeit nicht nur in unseren Köpfen ankommt, sondern auch zu einem anderen Handeln führt.

Selbstkontrolle bedeutet, auf naheliegende Belohnungen zu verzichten und eine größere in der Zukunft liegende Belohnung zu wählen. Abstrakt. Und herausfordernd. Denn der Mensch möchte sich im Jetzt gut fühlen. Noch abstrakter und herausfordernder, wenn dieses sinnvolle, bewusste Handeln obendrein für jemand anderen, nämlich aktuell für die Risikogruppe, die Belohnung verspricht – und nicht unmittelbar für einen selbst. Noch viel abstrakter, wenn es sich dabei um den unbekannten Kaffeebauern am anderen Ende der Welt handelt, für den man seine Kaufentscheidungen hinterfragt. Diese Momente fordern dem Egoismus einiges ab. Sie rücken Nächstenliebe, Umsichtigkeit, das globale Miteinander und eine größere Verbundenheit in den Vordergrund.

Wir sind privilegiert – auch in der Corona-Krise

Das Virus betrifft uns alle und trifft einen jeden doch ganz individuell in der jeweiligen Lebenssituation. Doch eines ist sicher: Es trifft die ärmeren Nationen mit den Menschen, die ihr Land vermutlich nie verlassen haben, am härtesten. Das ist ungerecht. Wo Abstand, Hygiene und medizinische Versorgung kaum gegeben sind, hat das Virus eine noch größere Macht. Keine hundertmilliardenschweren Rettungsschirme, keine Intensivstationen, manchmal nicht einmal Wasser, um sich die Hände zu waschen. Auch wenn hierzulande vieles einzustürzen scheint, leben wir in privilegierten Verhältnissen. Immer. Und auch jetzt. Das sollten wir uns öfter bewusst machen und uns in Dankbarkeit üben.

Es ist an der Zeit aufzuwachen, umzudenken und vor allem: An andere zu denken.

Und es ist Zeit, dass aus dem Denken ein anderes Handeln erwächst. Wir können nicht länger wissen, also hinsehen, und uns dann umdrehen und weggehen als hätten wir nichts gesehen. Wir tragen Verantwortung. Für uns selbst, für unsere Mitmenschen und für den Planeten.

COVID-19: Schlimm für den Menschen und gut für die Erde

Das Virus hat für uns eine Notbremse gezogen, die kein Politiker, kein Aktivist und keine Statistik je hätte auslösen können – und das, obwohl wir seit Jahren über Klimawandel und Umweltschutz reden. Doch solange wir nur reden und wirtschaftliches Wachstum um fast jeden Preis die Richtlinie ist, kann sich nichts verändern.

Das Virus schafft es nun mit ungefragter, rücksichtsloser Wucht und Dynamik als etwas so Kleines die ganze Welt auf den Kopf zu stellen: Geschlossene Geschäfte, leere Straßen, auf dem Boden bleibende Flugzeuge. Wirtschaft, Industrie, Wachstum, Globalisierung hin oder her – das aktuelle Geschehen zeigt auf, dass und wie schnell das moderne Leben einbricht, wenn eines auf dem Spiel steht: Unsere Gesundheit. Sie scheint uns weitaus bedeutender als die der Erde zu sein.

Weckruf und Chance – die letzte?

Der internationale Stillstand zeigt, dass sich die Natur vom Raubbau der Menschen schnell erholt: Weniger Smog über den Industriegebieten von China und Italien, klares Wasser in Venedig, Delphine im Hafenbecken der sardischen Hauptstadt, sich füllende Bergseen, weil das Wasser nicht zu künstlichem Schnee werden muss.

Das macht deutlich: Die positive Seite der Corona-Krise gilt nicht uns. Sie gilt der Erde, der wir zu viel genommen haben. Nun müssen wir unsere Freiheit und unser ökonomisches Wachstum genauso ungefragt hintenanstellen, wie wir der Erde über Jahrhunderte genommen haben.

Vielleicht ist der Stillstand die beste und auch die letzte Chance, um gerade noch rechtzeitig abzubiegen. Dafür müssten wir endlich begreifen, andere Prioritäten setzen und handeln.

Weitsicht

Und jetzt genieße ich die Stille – in der Luft und überall. Ich verliere mich im Blau des Himmels, das nicht von Kondensstreifen durchzogen ist, und vergesse die Zeit, wenn Seehunde nahe am Ufer spielen. Das Leben ist plötzlich so natürlich.

Und natürlich kann es nicht so bleiben. Aber es sollte auch nicht mehr so werden wie es war. Sonst wird es bald für immer anders sein. So viel Weitsicht, Intelligenz und Einsicht sollten wir beweisen. Es gibt etwas Größeres als das Heute und das Morgen; als das Geld und unsere Sorgen – etwas, das wirklich bleibt: die Erde.

Auf ihr sind wir nur für eine kurze Zeit zu Besuch und so sollten wir uns auch verhalten. Wir sollten den Tisch für die decken, die nach uns kommen. Denn alles ist verbunden. Deutlicher kann uns das nicht vor Augen geführt werden.

Den Blickwinkel ändern

Manche Dinge im Leben können wir erst im Rückblick verstehen. Vor allem Zeiten der Krise. Doch Leben ist Veränderung und Krisen beschleunigen sie – aber sie setzen auch Kräfte frei.

Es wird weitergehen. Nur wie? Das ist die große Frage.

Und die große Chance.

Ich wünsche mir, dass wir nicht einfach weitermachen wie zuvor, wenn wir den Tunnel am anderen Ende verlassen, sondern eine bessere und gerechtere Welt gestalten.

Ich wünsche mir, dass wir unsere Prioritäten neu setzen und uns auf das Wesentliche besinnen.

Dass wir demütiger werden und uns ein Stück Entschleunigung, Minimalismus und Nächstenliebe bewahren.

Wenn wir „danach“ bedachter handeln, bewusster leben und nachhaltiger konsumieren, ist es möglich, den aktuellen Zustand nicht als ein Ende anzusehen, sondern als einen gemeinsamen Neuanfang zu begreifen.

Zu Teil I: Corona: Herausforderung, Krise und Riesenchance

Zu Teil II: Corona und die Chance das eigene Leben zu ordnen

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