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Slberhügel von Potosí

Potosí und der reiche Silberhügel – die Narben unserer Welt

14 Minuten Lesezeit

Potosí: Mit 170.000 Einwohnern auf über viertausend Höhenmetern gelegen, ist Potosí die höchstgelegene Großstadt der Welt. Sie ist bekannt für ihren Cerro Rico, ihren reichen Silberhügel. Ebenso reich wie an Silber, ist er an Menschen, die in ihm ihr Leben verloren haben. Noch heute schürfen die Bergmänner unter unmenschlichen Bedingungen unter der Erde, aber viertausend Meter über dem Meeresspiegel,­ nach Zinn, Kupfer, Blei und den letzten Silberresten.

Dieser Artikel ist ein Text aus meinem Buch Zwischen den Zeilen reisen – eine südamerikanische Reiseerzählung mit Impulsen für ein einfaches, nachhaltiges und gerechtes Miteinander in einer globalen Welt.

Übersicht

03. Juni 2010

Tour in die Minen von Potosí

Mein Guide heißt Ana. Sie ist eine moderne Bolivianerin, hat ein strahlendes Lächeln und ihr langes, schwarzes Haar zu einem Zopf geflochten. Mit ihrer Trecking-Ausrüstung und der sportlichen Figur vermutet man sie eher im pulsierenden La Paz als in der Abgelegenheit des Landes, die dessen Abgründe aufzeigt. »Wir sind heute allein. Es ist Nebensaison.«, sagt sie und setzt sich an das Steuer des Jeeps, mit dem wir in die Peripherie der Stadt fahren. Der Weg führt steil in die Höhe und schnell verwandelt sich der Kolonialstil in eine Bauweise, die von immer größerer Armut gekennzeichnet ist. Enge Schotterstraßen und kleine Häuser aus Adobe prägen nun das Bild, das sich noch vor wenigen Minuten aus prächtigen Bauten der vergangenen Jahrhunderte zusammensetzte.

Potosí

Minenmarkt von Potosí

Pflichtgemäß halten wir am Mercado de los Mineros, dem Minenmarkt, wo wir einige Mitbringsel für die Bergleute und die Bestandteile für das Minenritual erwerben: Coca-Blätter, filterlose Zigaretten, 96-prozentiger Alkohol, und da man hier legal Sprengstoff beschaffen kann, kaufen wir auch Dynamitstangen und Zündschnüre.

Potosí - Minenmarkt

An der Mine angekommen, rüstet mich Señora Ana mit Gummistiefeln,­ Gummihose und einer Jacke aus. Eine zweite schützende Haut, die für die Bilder, Worte und Emotionen der kommenden Stunden viel zu undicht ist. Sie setzt mir einen Helm auf und befestigt eine Lampe daran. Auf den ersten Blick sehe ich nun aus wie einer der Mineros – auf den zweiten Blick so gar nicht!

Potosí

Die Geschichte der Mine von Potosí

Wie alles begann

Nur vereinzelte Geräusche der Stadt erreichen die an einen Friedhof erinnernde Stille, die hier oben bedrückend die Stimmung beherrscht, als Ana zu erzählen beginnt: »Es war einmal der indianische Hirte Huallpa …«, beginnt sie, als sei alles, was nun folgt, nur ein erfundenes Märchen. Dabei wird sie mir eine der grausamsten Geschichten unserer Geschichte erzählen. »Dieser ließ im Jahr 1544 seine Lama-Herde auf dem unbewohnten Altiplano weiden. Als er am Abend bemerkte, dass eines seiner Tiere fehlte, beschloss er ein Feuer zu entzünden und in der Einöde, unter der bald das heutige Potosí entstehen würde, zu schlafen. Am nächsten Morgen war seine Herde noch immer nicht vollzählig, doch funkelte und glitzerte der Ort seiner Feuerstelle und silberne Tränen liefen den Berg hinunter«. Es ist nur eine von vielen Theorien über die Entdeckung der Silbermine, doch diese hält sich am beharrlichsten.­

Kaiserstadt Potosí

Kurze Zeit später befahlen die Spanier die Indios in den reichen Berg und beuteten diese in gleicher Weise aus wie den Cerro, unter dem sie am 10. April 1545 nur wenige Höhenmeter tiefer die Stadt Potosí gründeten. Nur acht Jahre nach der Gründung wurde Potosí zur Kaiserstadt ernannt, deren Wappen die Worte Ich bin das reiche Potosí, Schatzkammer der Welt, König der Berge, den Königen diene ich zum Neid zierten. Unterdrückung, Sklaverei und Massenmord standen Prunksucht, Gier und Ausbeutung gegenüber. Der Luxus der Einen, waren die Qual, die Folter und schließlich der Tod der Anderen.

Reichtum und Wachstum

Potosí war plötzlich reich, Potosí war groß und wurde stets reicher und hörte auch nicht auf zu wachsen. Eine immer größere Menschenmasse nahm die widrigen Bedingungen des Hochlandes ­bereitwillig auf sich und bewohnte die Stadt mit den vergoldeten Kirchen und den zahlreichen Lokalen. Sogar das Straßenpflaster­ bestand bald schon aus Silber. Nur einhundert Jahre nach der Stadtgründung zählte Potosí mit etwa 150.000 Einwohnern zu den größten und reichsten Städten der damaligen Welt.

Das Massengrab von Potosí

In einem Umkreis von über einhundert Kilometern suchten die Konquistadoren nach indigenen Arbeitskräften und entrissen die Männer ihrer Heimat. Der reiche Berg sollte für kurze Zeit ihr Zuhause werden. Einmal in der Dunkelheit gelandet, war es für die meisten das letzte Mal, dass sie frei und Mensch sein durften. Nur mit Coca-Blättern, Wasser und Sprengstoff ausgestattet, begannen sie ihre Arbeit, die fast immer der Tod beendete. Unaufhörlich sandten die Spanier die Indios in die immer tiefer führenden Stollen. Hinein in einen Zustand der Erschöpfung, in die Hölle auf Erden. Namenlos durch andere ersetzt, entstand binnen weniger Jahre ein gigantisches, anonymes Massengrab.

Angst und Ausweglosigkeit

Ana erzählt, dass Mütter ihre neugeborenen Söhne töteten und Männer sich als Frauen verkleideten, um dem von den Spaniern auferlegten Schicksal zu entkommen. Doch sie entdeckten jeden. So lange, bis in der weiten Umgebung kein Mann indigener Abstammung mehr auffindbar war und afrikanische Sklaven die unmenschliche Arbeit verrichten sollten. Doch diese erlagen der sauerstoffarmen Höhenluft.

Graf Lemos, der Vizekönig von Peru, schrieb im Jahr 1699: Nach Spanien wird nicht Silber, sondern Indianerblut und Indianerschweiß verschifft und der spanische Minenbesitzer Luis Capoche sagte: »Der arme Indio ist eine Währung, mit der man alles bekommt, was man braucht, wie mit Gold und Silber, nur viel besser«.

Mir wird schlecht

Nach Eduardo Galeano, einem uruguayischen Schriftsteller, sollen bis in das 18. Jahrhundert etwa acht Millionen Menschen ihr Leben in der Mine gelassen haben. Um diese abstrakte Zahl zu veranschaulichen, nutzt Ana eine Metapher: »Einer Legende zufolge können zwischen Potosí und Spanien zwei Brücken errichtet werden: Eine aus Silber bestehend, die andere aus den Knochen der krepierten Arbeiter«.

Dann schweigt sie und lässt mich mit dem Bild, das mein Kopf ganz unaufgefordert malt, allein. Ich versuche die Zahl zu schlucken, aber mein Körper will sie nicht verdauen. Irgendwo zwischen Kopf und Magen bleibt sie hängen und stellt sich quer. Mir ist schlecht. Ich will das Gehörte ausspucken, aber es hämmert sich in jede meiner Zellen ein.

Die Narben der Welt

Und gleichzeitig kann ich nicht vor mir selbst bestehen, da ich bis vor Kurzem noch nie etwas von diesem Ort gehört habe. Die Welt ist so voll von grausamen Geschichten, dass man von vielen nie erfährt. Die grässliche deutsche Geschichte war in der Schule so präsent, dass sie für viele andere grässliche Geschichten offensichtlich keinen Platz im Lehrplan ließ. Auch wenn eine schlechte Allgemeinbildung definitiv die Vorstellung einer heilen Welt erleichtert, kann das Totschweigen der Toten die Welt nicht besser machen. Sie vergisst nicht, ganz gleich, ob wir uns erinnern oder nicht. Unsere Welt sieht heute nicht besser, nur anders schlecht aus. Sie ist nun mal nicht heil. Sie hat überall Narben. Und hier blutet sie noch immer.

Als der Silberstrom in Potosí versiegte

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts versiegte der Silberstrom und mit ihm die am Fuß des Cerros gelegene Stadt, die er nährte. Menschen und Prunksucht verschwanden ebenso schnell, wie sie einst auftauchten, die Blüte der Stadt verwelkte so rasch, wie sie erschien. Und als die Geschäfte nicht mehr rentabel waren, versank die Stadt in Armut. … und da sie nicht gestorben ist, ist Potosí heute eine arme Stadt in einem armen Land, die jedoch noch immer von ihrer Mine abhängt.

Meine Geschichte in der Mine

Vor dem sandfarbenen Berg sortieren kleine Kinder und alte Bolivianerinnen die Gesteinsreste, die die Mineros aus der Mine förderten. Wie die Figuren des Märchens selektieren sie nur die Guten ins Töpfchen. Gekonnte Handbewegungen strahlen Routine aus. Versunken in den Gesteinen bezeugen die verschiedenen Generationen den Kreislauf eines Lebens in Potosí: Alles dreht sich um die Mine. Und nach wie vor im Kreis.
Denn noch heute arbeiten mehr als zehntausend Bergleute in den Stollen und suchen nach den letzten Resten der Mineralien. Darunter sind etwa eintausend Kinder.
Viele Arbeiter steigen bereits im Kindesalter das erste Mal in die dunkle Tiefe, wo sie die Jugend überspringen und nur wenige Jahre erwachsen sind, bevor ihr Antlitz dem Gesicht eines Greisen gleicht. Es ist ein Leben im Zeitraffer.

Vor dem Cerro Rico

Indianische Riten und Missionarsabsichten

Auch wir gehen zu einem der Schächte, die den Beginn von mehr als tausend Stollen darstellen und den Berg durchziehen wie Adern den Körper. Niemand weiß genau, wie viele Tunnel existieren. Ana zeigt auf den Eingang der Mine und verweist auf die dunklen Spuren, die ihn rahmen: »Über viele Jahre hinweg versuchten die Spanier die Indios zu missionieren. Die Indios, die weder etwas vom Papst noch vom Teufel gehört hatten, lebten ihren eigenen Glauben. Noch heute opfern sie an einem Tag des Jahres Pachamama, ihrer Gottheit Mutter Erde, ein weißes Lama und schütten dessen Blut an die Häuser und die Eingänge der Mine. Dieser indianische Ritus soll Glück und Reichtum bringen«.

Mein Blick klettert die Holzleiter herab und verliert sich nach wenigen Sprossen im schwarzen Nichts. Ana dreht meine Stirnlampe an. Ein kleiner Kreis bringt viel zu wenig Licht ins Dunkel.

Abtauchen ins Stollensystem des Cerro Rico

Wir klettern zwanzig Sprossen nach unten. Hinunter in die Enge, in das Schwarz, in den Geruch von Giftstoffen und den nicht wahrnehmbaren und dennoch unverkennbaren Geruch von Tod. Innerlich und äußerlich taucht ein Gefühl von Beklemmung auf. Nur nicht darüber nachdenken, denke ich, während ich darüber nachdenke. Ich möchte zumindest für einige Stunden erleben, wie die hier arbeitenden Menschen einen Großteil ihrer Lebenszeit verbringen. Ich möchte hinschauen und in die Vergangenheit reisen, nicht kneifen, wo andere es nicht dürfen.
Weiter nach unten, wo die Luft dünner und das Dunkel noch schwärzer ist. Die Tunnel werden enger und schon nach wenigen Schritten undurchschaubar. Ich verliere die Orientierung, die ich nie hatte. Jedes Zurück würde schon jetzt zu viele Möglichkeiten bieten. Ich bin angewiesen auf Ana, wir beide auf unsere Lampen. Nur nicht darüber nachdenken, durchfährt es mich erneut, nur vertrauen – auch wenn das hier so ungemein schwer fällt.

Potosí: Wo der Teufel ein Freund ist

Mit jedem weiteren Schritt steigen die Temperaturen stetig bis auf fünfunddreißig Grad an. Die Hölle verwehrt der eisigen Kälte des Hochlandes den Zutritt. Hier herrscht Hitze. Ein Fegefeuer, das eine Teufelsfigur bewacht. Am Ende des Tunnels leuchtet meine Grubenlampe plötzlich in ihr Gesicht. Ich erschrecke!

Der tio von Potosí

Schutzpatron tio

Ana erzählt, dass die Spanier die Figur in die Mine stellten, damit diese die ungläubigen Indios einschüchtere, bei der Arbeit beobachte und im besten Fall vor dem nahenden Tod zum christlichen Glauben bekehre. Für die Mineros hingegen, die den Glauben der ­­Konquistadoren nicht kannten, war die Teufelsfigur von Anbeginn ein Schutzpatron, den sie noch heute als tio, Onkel, betiteln. Für sie ist er Freund und Mitstreiter, Vertrauter und Gehilfe, bei dem sie an jedem Freitag das Minenritual abhalten, damit er die Freundschaft pflegt und mit dem Finden von Venen und dem Überleben belohnt.

Minenritual von Potosí

In absoluter Finsternis thront der tio gespenstisch in einer kleinen Grotte. Nur die Lichtstrahlen unserer Lampen lassen ihn erleuchten: Vergilbte Luftschlangen bilden sein Haar, Coca-Blätter sein grünes Kleid. Rotleuchtende Augen erwidern Angst einflößend meinen Blick, die Nase ist vom Zigarettenqualm verkohlt. Konfetti, ­Zigarettenstummel, leere Schnapsflaschen und Bierdosen zieren den Boden und bestimmen den Geruch. Runzelige Luftballons baumeln im stickigen Raum. Wie aus der gesamten Mine, ist auch aus ihnen jede Luft gewichen – Sinnbild der Vergänglichkeit, du passt hier her …

Auch wir begrüßen den gehörnten Berggott und führen den Ritus durch, um wieder Tageslicht erblicken zu dürfen. Ein komisches Gefühl dies hier zu erbitten, aber ich möchte mich nicht mit dem Teufel anlegen und schon gar nicht an diesem Ort.

Der tio vpn Potosí

Wir kleiden ihn mit Coca-Blättern ein und gießen großzügig die 96-prozentige Flüssigkeit über seine Schultern, Hände, Knie und auf den Boden, denn wie immer erhält auch Pachamama ihren Anteil. Und weil die Bergmänner glauben, dass der tio und Pachamama in der Nacht neue Venen zeugen, begießen wir auch des Teufels bestes Stück, um so die Fruchtbarkeit zu wahren. Dann einen Schluck für uns. Pur soll man ihn trinken, damit die Mineralien ebenfalls rein sind. 96-prozentiger Zuckerrohrschnaps rennt und brennt meine Kehle hinunter – das ist der einzige Weg, den ich heute problemlos verfolgen kann. Zuletzt ziehen wir an der Zigarette, bevor Ana sie dem Teufel glimmend in den Mund steckt. Er darf zu Ende rauchen, während wir diesen seltsam anmutenden Ort verlassen und den Teufel wieder seiner Dunkelheit übergeben.

Das Labyrinth von Potosí

Wir gehen weiter dem Nichts folgend, immer weiter in es hinein. Stapfen durch knietiefes Wasser, krabbeln durch nicht einmal ein Meter hohe Gänge und müssen immer achtsam sein, nicht in einem der Löcher zu versinken. Das Geräusch unserer Schritte schallt die Stollen entlang, die längst noch nicht sichtbar sind. Wie die Äste eines Baumes verzweigen sie sich und haben alle eines gemeinsam: In ihnen durchleben die Mineros die Jahreszeiten der Gefühle. Stets von der Hoffnung auf eine reiche Ernte getrieben und getragen, verbringen sie oft mehr als zehn Stunden in den kilometerlangen Tunneln der Mine. Für mich ist sie ein lebendiges Ungeheuer.

Aus den unterschiedlichen Stockwerken ertönt mal aus der Nähe, mal aus der Ferne, mal lauter, mal leiser, das donnernde Rollen der gerölltransportierenden Wagen, fast, als würde der Magen des Monsters knurren. Unter primitiven Bedingungen, die sich in den vergangenen vierhundert Jahren kaum verändert haben, ­transportieren die Bergmänner den Abraum ganz ohne ­Maschinenantrieb über die Holzgleise zu den Schächten, wo sie ihn an die Erdoberfläche befördern.

Staublunge

Aufgrund der verschiedenen Mineralien leuchten die Wände in unterschiedlichen Farben und glitzern mit giftigen Tropfen. Staub, Asbest und toxische Dämpfe schweben im Kanalsystem der Mine und durchziehen mit jedem Atemzug das Bronchiensystem meiner Lunge. Der eigene Körper verschmilzt mit dem Körper der Mine. Nach nur einer Stunde fühlt er sich vergiftet an. Ohne Atemmaske sind die Arbeiter diesen toxischen Gasen ihr gesamtes Leben ausgesetzt. Die Staublunge ist die häufigste Todesursache. Sie beendet das Leben etwa zehn bis fünfzehn Jahre vor dem bolivianischen Durchschnitt.

Hoch, runter, links, rechts, vor, zurück, diagonal. Je weiter wir gehen, umso größer ist die Gefahr, sich und das eigene Leben in den Tunneln zu verlieren. Die Mine ist ein Labyrinth ohne Ausweg. Es gibt nur den Weg zurück – und wird dieser nicht gegangen, weint der Berg heimlich ein paar weitere seiner silbernen Tränen.

Mineros von Potosí

Wie Maulwürfe haben die Mineros den Berg in den vergangenen Jahrhunderten durchbohrt, durchsprengt, durchsucht, durchfunden – und verloren. Mittlerweile ist er derart ausgehöhlt, dass mich die Angst, die Mine könne in sich zusammen stürzen, unentwegt begleitet. Ihr Skelett ist osteoporös. Doch noch hält es. Hält aus und trägt, wie die Arbeiter aushalten und ertragen. Sie sind die ­Blutkörperchen des Ungeheuers: Rot und weiß und doch alle grau. Arbeiten ununterbrochen in seinen Gefäßen, befördern zu wenig Sauerstoff und tragen den Plaque ab.
Tag und Nacht.
Zehn Stunden am Stück – dann kommen andere.
Vierzig Jahre – dann kommen andere.
Fünfhundert Jahre – es werden immer andere kommen …
Dialyse der Mine.

Ihr eigenes Leben ist längst in den Hintergrund gerückt. Es dient dem Überleben ihres Wirts, dessen Kreislauf nicht kollabieren darf, während sie selbst allmählich sterben. Sie trinken, sie rauchen, sie konsumieren. Sie hämmern, sie sprengen und wenn sie Glück haben, finden sie. Wir finden sie.

Das Stollensystem der Mine

Ana beginnt ein Gespräch, und als die Bergmänner ihre Werkzeuge aus der Hand legen und fragen, woher ich komme, werden die Blutkörperchen zu Menschen, die sich doch von allen unterscheiden, die mir bisher begegneten. Wie eine eigene Spezies passten sie sich über Generationen der Mine an. Mit ihrer gekrümmten Haltung, der grauen Kleidung und dem grauen Helm tarnen sie sich vor den steinernen Wänden.

Kreislauf

Sie sind klein und gezeichnet, ihre Hände rau und verletzt. Ihre Mienen sind ein Abbild der Mine: Ausgehöhlt, grob und zerfallen. Müde Augen, die denen eines Hundertjährigen gleichen, blicken leblos in die Dunkelheit. Das Leben hat sie müde gemacht. »Ich arbeite hier schon seit der Kindheit. Ich musste meinem Vater helfen, wie er seinem Vater. Nur so konnte unsere Familie überleben. Das ist illegal, aber interessiert niemanden. Damals nicht und heute auch nicht.«, erzählt einer der Bergmänner.

Coca-Blätter

Seine Backentasche ist ausgebeult, mit Coca-Blättern gefüllt. Er trägt seinen Motor im Mund, der die knochenharte Arbeit überhaupt ermöglicht. Die Zähne und Lippen sind vom ständigen Konsum tiefgrün verfärbt. Die Hojas de Coca halten wach, steigern die Leistungs­fähigkeit, rauben das Gefühl von Hunger und machen die dünne Luft erträglicher. Sie sind das einzige, was die Mineros zu sich nehmen. Blatt für Blatt schieben sie in ihre Wange, vier Stunden lang, dann lässt die Wirkung nach. Die grüne Masse wird ausgespuckt, unmittelbar durch Neue ersetzt.
So, wie alles im Cerro eben schon immer war.

Minero von Potosí

Monotonie der Mine

Ohne Frust, aber auch ohne jede andere Emotion schildern die Bergmänner ihr Dasein: Sich in die Mine abseilen, Stunde um Stunde mit Hammer und Meißel Löcher in die steinernen Wände schlagen, Sprengstoff platzieren und die Zündschnur in Brand setzen. Dann bleiben vier bis fünf Minuten, um die Kollegen durch Schläge an die Wand zu warnen und sich in Sicherheit zu bringen, ehe die nächste Tonne Gestein laienhaft, aber gekonnt aus dem Berg gebombt, das Labyrinth erweitert, die Orientierung erschwert wird.

Glück hat, wer an der richtigen Stelle sprengt, Unglück, wer nichts findet. Wenn man nicht vorher stirbt, stirbt die Hoffnung zuletzt.
Es ist eine sich stets wiederholende Tätigkeit, ein Leben lang.
Monotonie der Mine.

Alltag unter Tage in Potosí

Es ist ein Alltag unter Tage, der weniger Tage zählt, als der anderer Menschen. Er zählt oft nur bis vierzig.
Es ist eine Gleichförmigkeit, die meist nur dann ein Licht am Ende des Tunnels kennt, wenn ein anderer Minero entgegenkommt.
Es ist ein dunkles Dasein in finsterer Einsamkeit.
Ein bedrückendes Leben, ein beengtes Leben.
Eines Tages mögen sie Silber finden …
… doch wann finden sie Glück?
Oder ist das dann Glück?

Unmenschliches Menschsein

In ihren Augen suche ich nach dem Ausdruck, der die Gefühle verrät, die ihre Worte nicht enthalten. Doch der Blick in ihre rot-geäderten Augen reicht nicht tiefer, als mein Blick in die Stollen vordringen kann: Die Mine spiegelt sich in ihren Augen. Ihre sie umfassende äußere Welt gleicht ihrer sie ausfüllenden inneren Welt. Die Welt hingegen, die sich außerhalb des Stollensystems vollzieht, ist ein ihnen fremdes Milieu. Sie versinken in der Tiefe, wenn die Sonne aufgeht, und tauchen auf, wenn die Sonne untergegangen ist. Wie Nachttiere in ihrer Höhle leben sie als sei die Hölle unter Tage ihr Zuhause. Im schnellen Tempo durchkriechen sie flink die Stollen, kennen jede Erhebung und jede Kurve, jedes Geräusch und jedes Gestein. Verspeist von dem Ungeheuer, das sie selbst nährt, unterernährt, sind die Mineros längst Teil der Mine und funktionieren­ in ihrem Rhythmus.

Menschlichkeit

Wo ist der Mensch in dem Menschen, der gerade vor mir steht?
In einem kleinen dankbaren Lächeln, als wir die mit Coca-Blättern gefüllte Tüte übergeben, erkenne ich ihn. Ich bin froh, doch verleiht dieser Moment dem Ganzen eine andere Dimension.
Unmenschliches Menschsein!

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